Compendia

Bücher für karolingische Priester


Diese Seite hat das Ziel, Bücher für Priester der Karolingerzeit in digitaler Form zugänglich zu machen. Dass es solche Bücher gibt, ist prinzipiell schon seit langem bekannt. Es ist aber erst mit den jüngeren Forschungen von Yitzhak Hen, Susan Keefe, Rudolf Pokorny und Carine van Rhijn der Frühmittelalterforschung stärker bewusst geworden. Die betreffenden Bücher sind durchweg Kompendien: Sie versammeln genau diejenigen Texte, von denen in Bischofskapitularien des 9. Jahrhunderts gefordert wird, dass Priester sie kennen sollen. Die Kompendien stellen Texte zur Taufe und zur Messe zusammen, zum Vaterunser und zu den Glaubensbekenntnissen, bischöfliche Normtexte für Priester und ihre Gemeinden, dazu Canones, Exzerpte zur kirchlichen Hierarchie und zu den Weihegraden, Bußtexte und Predigten, bisweilen auch computistische Werke. Vielfach haben die Texte didaktischen Charakter: Expositiones und Lehrdialoge sind häufig vertreten. Andere Stücke waren aber auch im Alltag eines Priesters hilfreich – wie Musterpredigten oder Listen von Gebeten für verschiedenste Zwecke.

Die betreffenden Texte sind bisher – sofern sie überhaupt ediert worden sind – stets aus ihrem codicologischen Zusammenhang isoliert worden. Erst als Teil eines Kompendiums für einen Priester aber lassen sie sich in ihrer sozialen Logik angemessen beurteilen. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die vielen kleinen Stücke waren oft ausgesprochen instabile Texte. Sie wurden wieder und wieder sprachlich überarbeitet, teils in andere Genera überführt, gekürzt, exzerpiert, mit anderem Material zusammengestellt, um weitere Informationen ergänzt. Die Grenze zwischen Text, Rezension und Textzeuge ist daher bei diesem Material oft nicht klar zu ziehen.

Angesichts dessen haben wir es uns zum Ziel gesetzt, die Kompendien als solche zu erschließen und zugleich die Variation und immer neue Überarbeitung des Textmaterials anschaulich zu machen. Der von uns bisher analysierte und aufbereitete Bestand ist dabei nur ein erster Anfang: Zwei mutmaßliche Priesterbücher des 9. Jahrhunderts – St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 40 und Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 1370 – sind vollständig aufgenommen. Dazu haben wir eine Reihe von Paralleltexten aus weiteren Codices gestellt, so dass Réarrangement und Adaption greifbar werden. Eine strikte Beschränkung auf Handschriften, die in der Karolingerzeit zu Pergament gebracht wurden oder dem Idealtypus eines Priesterbuchs entsprechen, schien uns hierbei schon in Anbetracht der moderaten Überlieferungslage nicht geraten. Vor allem das einschlägige karolingerzeitliche Material aber hoffen wir in den nächsten Jahren zu verdichten – und auf diese Weise die Vielfalt und Instabilität der Texte für Priester in der karolingischen Welt digital erschließen zu können.

Wir freuen uns über Feedback und konstruktive Kritik: Diese Seite ist noch im Aufbau. Das betrifft neben dem Umfang des Untersuchungskorpus und, im Fall der eingearbeiteten Parallelüberlieferung, seiner Erschließungstiefe nicht zuletzt Funktionen für die Suche im Text und für den Export, die wir künftig zur Verfügung stellen möchten. In Arbeit ist außerdem ein zweiter, alternativer „Einstieg“ ins Material: So programmatisch die Entscheidung war, die Kompilation zum privilegierten Ausgangspunkt zu nehmen, so nützlich mag als komplementärer Zugang eine sortierbare Aufstellung der kompilierten Texte sein. Und noch ein letztes Caveat erscheint uns zur Zeit notwendig: Die Ladezeiten sind bei umfangreicheren Texten für die Ansicht der Transliteration und für die Ansicht der Parallelstellen im Moment noch etwas länger, als wir es im Internet gewohnt sind (wenn auch deutlich kürzer als in der analogen Welt). Auch in dieser Hinsicht hoffen wir, die Seite noch weiter zu optimieren.

Andreas Öffner & Steffen Patzold